Der Edelweißwalzer einst der große Schlager

Harmonikaverein Großbottwar besteht seit 75 Jahren – Heute sind über 100 Musiker in fünf Orchestern aktiv

 

(tu) -Bei seiner Generalversammlung am Samstag, 28. Januar, blickt der Harmonika-Verein Großbottwar (HVG) auf sein 75-jähriges Bestehen zurück. Im anschließenden Festakt wird die große Vereinsfamilie das Jubiläum feiern, hochrangige Gratulanten werden Glückwünsche übermitteln und das 1. Orchester den Jubiläumsabend musikalisch begleiten.

 

Angefangen hatte alles in den Jahren nach dem 1. Weltkrieg. Musikalisch begabte junge Männer erlernten das Spielen der Handharmonika - schließlich gab es in kaum einer Familie ein Klavier; eine Ziehharmonika war in dieser wirtschaftlich miserablen Zeit aber noch erschwinglich, wenn Familie und Freunde zum Kauf eines solchen Instruments zusammenlegten. Und zur Begleitung von Gesang, erst recht unterwegs auf Wanderungen, war eine "Quetschkommode" immer gut.

 

Handwerksburschen hatten solche Instrumente dabei und arbeitslose Männer zogen mit einer Handorgel Musik machend und bettelnd durch die Straßen und Gassen. Lauter Solisten mit mehr oder weniger Begabung und Können.

 

Hermann Schittenhelm, spätere Harmonika-Legende, gründete in Trossingen ein Orchester mit Harmonikaspielern. Im Radio, das sich langsam seinen Platz er arbeitete, waren sie in Wirtshäusern zu hören. 1931 waren Idealisten auch in Großbottwar so weit: Hermann Bauer, Sohn eines Metzgers, hatte sich talentiert das Spiel auf der Ziehharmonika angeeignet und unterrichtete seinerseits nun Freunde im Musizieren. Bald hatter er ein knappes Dutzend Spieler um sich geschart und so wurde aus der Spielergruppe 1931 der Großbottwarer Harmonikaverein, damals noch Club genannt. Heinrich Böhrer wurde Vereinsvorsitzender und Hermann Bauer wurde neben Max Müller erster Musiklehrer und Dirigent. Im einstigen Gemeindehaus in der Friedhofstraße stellte die Stadt einen Raum zum Üben bereit, wie einer der drei noch lebenden Harmonikaspieler jener Zeit, Eugen Blessing (84), zu berichten weiß.

 

"Maientouren" mit dem Club in die Umgebung nach Höpfigheim oder in die "Karpaten" nach Völkleshofen, Altersberg und zum Tannenhof waren damals beliebte Unternehmungen. 1932 gab es die erste Generalversammlung. Und als 1938 die vom damaligen Reichsarbeitsdienst belegt gewesene Stadthalle wieder frei wurde, gab es dort auch ein öffentliches Konzert. "Der Edelweißwalzer war damals unser Hit", erzählt Eugen Blessing.

 

Mit dem Krieg endete dann das gemeinsame Musizieren. Im Mai 1946 fanden sich die aus dem heimgekehrten Harmonikaspieler zur Wiedergründung des Vereins zusammen, der nach Großbottwar evakuierte Stuttgarter Eugen Weischedel, selbst exzellenter Akkordeonspieler, wurde Musiklehrer und musikalischer Leiter des wieder gegründeten Harmonikaorchesters.

 

In der Stadthalle veranstaltete der HVG ab dieser Zeit alljährlich Feiern und Konzerte, erhielt Zulauf von Jungs und auch Mädchen, die das Spiel auf der Harmonika lernten und bald hatte der HVG auch ein Jugendorchester. Aus dem "Ziehamlederlesclub" mit seinen Quetschkommoden wurde zunehmend eine ansehnliche und erfolgreiche Harmonikagemeinschaft, die anfangs Ihre Musik noch ganz von , Hand und ohne Elektronik machte.

 

Von 1956 an leitete Günther Schober 35 Jahre lang das Erste 1. Orchester, seit 16 Jahren jetzt schon Günther Stoll. Der HVG ist im Bottwartal und Umgebung mit seinen jetzt fünf Orchestern zu einer Hochburg der Harmonikamusik geworden. Das Erste Orchester wurde wiederholt Bezirksmeister.

 

Besonders widmen sich die Vereinsfunktionäre der Jugendarbeit. Es gibt nicht nur drei Orchester mit Jugendlichen, durch Kooperationen mit den Grundschulen in Oberstenfeld und Großbottwar werden zudem Kinder ausgebildet, die Freude an der Musik haben. So stehen gegenwärtig 45 Schüler und Jugendliche in Ausbildung und stellen damit den Nachwuchs für die HVG-Orchester.

 

23 Jahre lang hat Herbert Bruker, der mehr als 25 Jahre das Hessigheimer Harmonikaorchester dirigierte, überaus erfolgreich den HVG geführt, seit vier Jahren tut dies Siegfried Groß mit seiner musikalischen Familie. Seine Frau leitet seit zehn Jahren das Jugendorchester und die Söhne Andreas und Michael Groß und das Ehepaar selbst spielen im 1. Orchester aktiv mit.

 

Gut aufgestellt, geht der für das kulturelle Leben im Bottwartal unverzichtbare Harmonikaverein einer guten Zukunft und seinem 100-jährigen Bestehen entgegen.

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Veröffentlichung

Sa, 28. Januar 2006

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