Von einem knappen Dutzend Idealisten zu fünf Orchestern
Der Harmonika-Verein Großbottwar hat eine lange Tradition – Rundfunkaufnahmen, Konzertreisen und andere Aktivitäten
Großbottwar (fu). Der Harmonika-Verein Großbottwar ist jetzt 75 Jahre alt (siehe auch oben stehenden Bericht). Angefangen hat die Geschichte des Großbottwarer Vereins in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg.
Musisch begabte junge Männer erlernten in dieser Zeit mangels Klaviers das Musikmachen mit der Handharmonika. Eine Ziehharmonika war in dieser wirtschaftlich miserablen Zeit schließlich noch erschwinglich, wenn Familie und Freunde zum Kauf eines solchen Instruments zusammenlegten. Und zum Singen mit Begleitung durch die Harmonika war eine solche Quetschkommode immer gut, erst recht für unterwegs auf Wanderungen. Handwerksburschen hatten solche lnstrumente dabei, und arbeitslose Männer zogen mit einer Handorgel Musik machend und bettelnd durch die Straßen - lauter Einzelsolisten mit mehr oder weniger Begabung und Können. Hermann Schittenhelm, spätere Harmonikalegende, gründete in Trossingen ein Orchester.
1931 waren Idealisten auch in Großbottwar dann so weit: Hermann Bauer, Sohn eines Hausmetzgers, hatte sich talentiert das Spiel auf der Ziehharmonika angeeignet. Ziehen und Drücken gaben die Töne auf der Knopfharmonika mit ihrem Dur-Moll-Tonleitersystem mit sieben Stufen in Ganz- und Halbtönen der Diatonik und einem Bassregister auf der linken Hälfte, weit schwieriger zu spielen als die später aufkommenden Akkordeons, oft Schifferklavier genannt.
Hermann Bauer lehrte Freunde das Spielen. Bald scharte er ein knappes Dutzend Spieler um sich, und so wurde aus der Spielergruppe 1931 der Großbottwarer Harmonika-Verein, damals noch Club genannt. Heinrich Böhrer wurde Vereinsvorsitzender und Hermann Bauer neben Max Müller erster Musiklehrer und Dirigent. Im einstigen Gemeindehaus in der Friedhofstraße stellte die Stadt einen Raum zum Üben bereit, wie Eugen Blessing zu berichten weiß. „Maientouren“ mit dem Club in die Umgebung nach Höpfigheim oder in die "Karpaten" nach Völkleshofen, Altersberg und zum Tannenhof waren damals beliebte Unternehmungen - 1932 war eine erste Generalversammlung. Und als 1938 die vom ,damaligen Reichsarbeitsdienst belegt gewesene Stadthalle wieder frei wurde, gab es dort auch ein öffentliches Konzert. Der Edelweißwalzer war damals der Hit, erzählt Eugen Blessing. Mit dem Krieg endete dann das gemeinsame Musizieren, einzelne Spieler traten als Solisten bei Familienfeiern auf. Im Mai 1946 fanden sich die aus dem Krieg heimgekehrten Harmonikaspieler zur Wiedergründung des Vereins zusammen, der nach Großbottwar evakuierte Stuttgarter Eugen Weischedel, selbst Akkordeonspieler, wurde Musiklehrer und musikalischer Leiter des wieder gegründeten Harmonikaorchesters. In der Stadthalle veranstaltete der HVG ab dieser Zeit alljährlich Feiern und Konzerte, erhielt Zulauf von Jungen und auch Mädchen, die das Musikmachen auf der Harmonika lernten, und bald hatte der HVG auch ein Jugendorchester. Aus dem „Ziehamlederlesclub" wurde zunehmend eine ansehnliche und erfolgreiche Harmonikagemeinschaft, die anfangs ihre Musik noch ganz von Hand und ohne Elektronik machte.
Von 1956 an leitete Günther Schober 35 Jahre lang das erste Orchester, seit 16 Jahren jetzt schon Günther Stoll. Der HVG ist im Bottwartal mit seinen fünf Orchestern zu einer Hochburg der Harmonikamusik geworden, das erste HVG-Orchester wurde Bezirksmeister im Harmonikaverband Stuttgart-Ludwigsburg, erstmals 1980 unter 38 Orchestern. Rundfunkaufnahmen, Konzertreisen nach Österreich und Frankreich und zu befreundeten Vereinen zeugen von den Aktivitäten des Vereins.
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