Ehrengäste, ein Dirigenten-Debüt und stehende Ovationen
Am 6. Mai 2023 war es endlich soweit - der Harmonika-Verein Großbottwar-Oberstenfeld lud zum alljährlichen Frühjahrskonzert ins Bürgerhaus nach Oberstenfeld ein. Wobei, alljährlich stimmt nicht so ganz. Das letzte Frühjahrskonzert fand im Mai 2018 statt. Umso größer war die Vorfreude auf ein Konzert voller guter Unterhaltung bei Akkordeonklängen.
Und wenn nun schon vieles anders war im Vergleich zum letzten Frühjahrskonzert, warum nicht auch den Dirigenten der Stadtkappelle Musikverein Großbottwar durch das Programm führen lassen? Jürgen Pantle führte charmant durch das Programm und zeigte, dass er nicht nur als Dirigent einer Blasmusikkapelle die Führung übernehmen, sondern auch durch ein Akkordeonkonzert führen kann, bei dem er selbst immer wieder Verbindungen zur Blasmusik entdecken konnte.
In diesem Jahr durften wir auch einige Ehrengäste begrüßen: unseren Ehrendirigenten Günther Schober, der unter anderem bis 1991 das 1. Orchester leitete, besuchte unser Konzert. Außerdem wurde unser Ehrenvorsitzender Herbert Bruker, für 60 Jahre Vereinszugehörigkeit geehrt. Wir sagen: "herzlichen Glückwunsch und vielen Dank."
Musikalisch eröffneten die HVG-Youngsters das Konzert. Wobei der Begriff "Youngsters" an diesem Abend eine ganz neue Bedeutung bekam. Aufgrund von Sportunfällen und Krankheit waren die eigentlichen Spieler des Ensembles etwas ausgedünnt und bekamen kurzfristig Unterstützung von erfahrenen Spielern des 1. Orchesters, die vor vielen Jahren einmal selbst Youngsters waren. Die verbliebenen Spieler wollten es sich trotz der Ausfälle nicht nehmen lassen, aufzutreten, immerhin probten sie schon seit Monaten für diesen Auftritt. Mit reichlich Beifall wurden sie für ihre beiden Stücke "Präludium und Fuge in C-Dur" von J.S. Bach und "Ouvertüre in C-Dur" von Rudolf Würthner belohnt.
Nach einem kleinen Umbau nahmen die Spieler des Jugendorchesters unter der Leitung von Kristin Steinhübel auf der Bühne Platz. Dass es sich um konzertante Musik handelte, wurde bei der Auswahl der Stücke des Jugendorchesters erneut deutlich. Für die "Ouverture classique" von Jörg Draeger und den "Volkstanz Nr. 2" von Hans Brehme griff die Dirigentin ganz tief ins Notenarchiv. Als das Orchester aber dann zu spielen begann, wurde dem Zuhörer schnell klar, dass vermeintliche alte Schinken auch heute noch sehr hörenswert sind und es auch im zarten Alter von etwa 8 bis 18 Jahren Freude macht, diese vorzutragen. Für seinen Auftritt wurde das Jugendorchester mit anerkennendem Applaus belohnt und übergab die Bühne dem Freizeitorchester.
Das Freizeitorchester, bestehenden aus circa 20 Spielern, trat zum ersten Mal am Frühjahrskonzert auf und freute sich sichtlich darüber. Nicht zuletzt, da ihr Dirigent, Patrick Stein, zwei besondere Stücke ausgewählt hatte, um zu zeigen, was alles aus einem Akkordeon rauszuholen ist. Mit "2012", bestehend aus 3 Sätzen, von Ian Watson, erweckte das Orchester die Olympischen Spiele in London wieder zum Leben. Man konnte sich richtig den Einmarsch der Athleten in das Olympiastadion vorstellen, wenn man sich seiner Fantasie hingab. Als zweites Stück hatte das Freizeitorchester "Tokyo Adventure" von Luigi di Ghiasallo vorbereitet. Der Komponist hat die Gegensätze von fremdartiger Tradition und moderner Metropole in seiner Fantasie "Abenteuer in Tokio" fesselnd eingefangen. Ein Abenteuer also mit vielen musikalischen Facetten. Mit diesem Stück und reichlich Beifall, verabschiedete sich das Freizeitorchester in die Pause, in der es leckere Häppchen und eine Vielzahl an Getränken gab.
Den Abschluss des Abends bildete der Auftritt des 1. Orchesters. Dabei gab Patrick Stein sein Dirigentendebüt als Leiter des 1. Orchesters. Bereits als er das Dirigat des Freizeitorchesters übernahm, wurde anerkennend erwähnt, dass es sich bei Patrick Stein, um ein HVG-Eigengewächs handelte, da er von klein auf als Spieler mitwirkte und bis zuletzt auch selbst Spieler des 1. Orchesters war. Nun übernahm er den Taktstock und begeisterte mit seiner hingebungsvollen und emotionalen Weise, wie er die Kompositionen dirigierte und sich auch selbst davon mitreißen ließ. Deutlich wurde dies beim Eröffnungsstück "Peace" von Ian Watson, welches, inspiriert durch die Geschehnisse 1944 in der Normandie, vom Kampf um Frieden in Bezug auf politische Konflikte handelt, aber auch darum geht, inneren Frieden und Zufriedenheit in unserem eigenen Leben zu erreichen. Nach diesem tongewaltigen und doch teilweise auch sehr zarten Stück, konnte man nicht nur beim Dirigenten, sondern auch bei einigen Spielern Tränen in den Augen glitzern sehen. Wenn Musik Emotionen hervorbringt, hat sie doch alles erreicht wofür sie geschrieben wurde, oder nicht? Anschließend an diesen emotionalen Auftakt, gab es mit "Großstadtbilder", bestehend aus 4 Sätzen, von Hans Rauch, einen bewussten musikalischen Bruch, bei dem das Stadtleben vergangener Zeiten musikalisch thematisiert wurde. Den Abschluss des Abends bildeten der "Novitango" von Astor Piazzolla, sowie "The New Village" von Kees Vlak, die beide auf unterschiedlichste Art zeigten, was mit Akkordeonmusik so alles möglich ist. Für seinen Auftritt bekam das 1. Orchester unter der Leitung von Patrick Stein tobenden Beifall und stehende Ovationen. Als Zugabe präsentierte das 1. Orchester einen Klassiker, den "Kaiserwalzer" von Johann Strauß, und entließ das Publikum in einen Abend gemütlichen Beisammenseins im Foyer des Bürgerhauses, bei dem es noch die ein oder anderen interessanten Gespräche gab und ein gelungener Konzertabend seinen wohlverdienten Ausklang fand.
Bericht S. Maier
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